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Februar 2009

Geldschöpfung in öffentlicher Hand

Die Finanzkrise schwelt weiter. Bereits konzipierte riesige Hilfsprogramme der Staaten werden hastig erweitert. Es ist zu befürchten, dass sie schon bald wieder von der Realität überholt werden. Für eine nachhaltige Bewältigung der Krise muss der Blick heute auf die grundsätzliche Funktionsweise unseres Geldsystems gerichtet werden.  

Der Ursprung des jetzigen Geldsystems lag bei den Goldschmieden: Bei ihnen deponierten Goldbesitzer ihr Gold und bekamen dafür Papierzettel als Quittungen ausgehändigt. Diese Zettel wurden dann anstatt des Goldes ausgehändigt, wenn es etwas zu bezahlen gab und wurden so zu Papiergeld. Irgendwann bemerkten die Goldschmiede dann, dass nur ein Bruchteil der Goldbesitzer sein Gold wieder abholte, weil Zahlungen mit Papiergeld viel praktischer auszuführen waren als mit Gold. So kamenA sauvegarder ou à se sauver sie auf die Idee, mehr Papiergeld zu drucken als Gold im Tresor vorhanden war und wurden so zu Kreditbanken. Das neue System wurde „fraktionales Reservesystem“ genannt: Nur ein Teil (=eine Fraktion) echten Geldes (damals Gold) wird als Reserve bereitgehalten. Das umlaufende Geld hingegen ist nur eine Forderung auf die Auszahlung von „echtem“ Geld, von dem nur eine viel kleinere Menge existiert. Dieses Geld wurde natürlich nicht verschenkt, sondern nur als Kredit verliehen, und zwar gegen Zinsen. Je mehr Kredite vergeben wurden, desto mehr Geld kam in Umlauf und desto größer wurde somit die Geldmenge. Es bestand aber immer die Gefahr, dass mehr Geldbesitzer ihr Gold wieder zurückhaben wollten als im Tresor vorhanden war, die Banken also ihren Verbindlichkeiten nicht mehr nachkommen konnten. Für diesen Fall vereinbarten die Banken, dass sie sich gegenseitig mit Goldreserven aushelfen. Dafür war aber auch Vertrauen unter den Banken in die jeweilige Solidität notwendig.
 
Die Staaten begriffen bald, wie wichtig und sinnvoll das Papiergeld war und welche Bedeutung ihm für wirtschaftliche Entwicklung und öffentliche Ordnung zukam. Deswegen regelten sie über Gesetze den Gebrauch des Geldes und ernannten eine der privaten Banken zur Zentralbank. Diese Zentralbank sollte einzig und allein dazu befugt sein, „echtes“ Papiergeld zu produzieren. Die erste private Zentralbank dieser Art war die Bank von England. Die Solidität des Papiergeldes der Bank von England wurde vom Staat garantiert und trug deswegen auch die Unterschrift eines Staatsrepräsentanten. Die Gegenleistung der Bank von England war, dass sie dem Staat bei der Finanzierung des Staatshaushalts half. Die anderen Banken verloren aber durch die Monopolisierung des Drucks von Banknoten ihre Möglichkeit zur Geldschöpfung. Sie erfanden unter anderem deswegen das moderne Buchgeld: Das staatlich autorisierte Bargeld der Zentralbank konnte bei ihnen deponiert werden, und dafür eröffneten sie den Geldbesitzern Girokonten. Von diesen Konten konnten die Geldbesitzer Überweisungen durchführen und damit bezahlen, ohne dass sie von einer Zentralbank gedruckte Geldscheine versenden oder aushändigen mussten. Früher geschah das vorwiegend per Scheck, heute fast nur noch elektronisch. Auch hier wenden die Banken also wieder das altbewährte Rezept des „fraktionalen Reservesystems“ an: Sie schöpfen per Kredit mehr Buchgeld als Geldscheine bei ihnen deponiert sind. Auf eine staatlich geschöpfte Reserve von echtem Geld wird ein Vielfaches von den Banken selbst geschöpftes Geld aufgetürmt.

Das staatliche Bargeld der Zentralbanken war bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts noch mit Gold gedeckt. Seit der damaligen Bankenkrise wurde die Golddeckung der Währungen nach und nach aufgegeben, heute ist sie völlig abgeschafft. Niemand kann also mehr mit einem Geldschein zur Zentralbank gehen und sich damit „sein“ Gold auszahlen lassen. Der Charakter des Geldes als Forderung auf Auszahlung von „echtem“ Geld ist also nur mehr fiktiv. Wer heute zu seiner Bank geht und das Buchgeld auf seinem Girokonto in Bargeld ausgezahlt haben will, müsste zwar von der Bank entsprechend bedient werden. Würden aber alle Bankkunden den Banken ihre Forderungen auf Auszahlung von Bargeld präsentieren, würde das System sofort zusammenbrechen. Auch das Buchgeld auf unseren Girokonten ist also nur mehr rein theoretisch eine tatsächliche Forderung auf Geld. Es wird von den Teilnehmern des Geldverkehrs aber fest angenommen, dass dieses „Forderungs-Geld“ wirklich echtes Geld sei. Sogar der Staat verlangt die Begleichung von Steuern in von Banken geschöpftem Buchgeld (=Giralgeld). Faktisch ist heute Giralgeld zu echtem Geld geworden, buchungstechnisch wird es aber immer noch wie eine Forderung auf Geld behandelt. Genau diese Bilanzierungsmethode erlaubt den Banken ihre eigene Geldschöpfung. Durch die Beibehaltung des Forderungscharakters des Giralgelds, die Abschaffung der Goldbindung für Zentralbankgeld, die immer intensivere weltweite Vernetzung der Geschäftsbanken untereinander, die eigentlich der gegenseitigen Hilfe dienen sollte, und die Entwicklung von komplizierten mathematischen Methoden zur Verteilung von Risiken glaubten die heutigen Akteure des internationalen Finanzsystems, sich einen alten Menschheitstraum endlich erfüllen zu können: Die mühelose Vermehrung von Geld aus dem „Nichts“. So stieg die Geldmenge in den letzten Jahrzehnten wesentlich schneller als die Menge der Waren und Dienstleistungen, die damit gekauft werden können.

Die jetzige Finanzkrise ist nicht plötzlich entstanden, sondern im oben beschriebenen Wesenskern des Geldes faktisch schon eingebaut. So wundersam die Geldschöpfung der Banken auf den ersten Blick erscheinen mag, so problematisch ist sie in ihren langfristigen Auswirkungen. Wie bereits dargestellt entsteht der größte Teil des modernen Geldes, das nur noch in Form von elektronisch gespeichertem Buchgeld existiert, als verzinslicher Kredit der Geschäftsbanken. Dieses Geld ist aber auch eine Verbindlichkeit der Bank auf sofortige Auszahlung der fraktionalen Reserve aus „echtem“ Geld. Je mehr solches Geld geschöpft wird, desto höher werden die Forderungen der Banken aus den vergebenen Krediten und gleichzeitig auch die Verbindlichkeiten der Banken auf Auszahlung von Geld. Das ist die Kehrseite der Medaille für die Banken. Auch die Verbindlichkeiten der Bankkunden steigen immer weiter an, je mehr Geld existiert, weil das Geld ja nur als verzinslicher Kredit in Umlauf kommt. Die Verschuldung wird sowohl auf der Seite der Banken als auch auf der Seite der Bankkunden immer bedrohlicher. Brechen nun Schuldner unter der Last von Schulden und Zinszahlungen zusammen, müssen die Banken Forderungen abschreiben und können deshalb die Verbindlichkeiten in ihren Bilanzen nicht mehr ausgleichen. Wenn deswegen dann Banken zusammenbrechen, können sich die Banken auch untereinander nicht mehr mit Reserven aushelfen. Wie ein Kartenhaus droht das ganze System zusammenzustürzen.
Monnaie lourde ou legère
Das betrifft nicht nur die Banken selbst, sondern uns alle. Denn wir alle sind darauf angewiesen, dass Banken unsere Girokonten ordnungsgemäß verwalten, damit der Zahlungsverkehr funktioniert. Hinter dem Kreislauf des Geldes der Bankkunden, also „unseres“ Geldes (das ja eigentlich nur unsere Forderung auf „echtes“ Geld ist) läuft ein für uns unsichtbarer Geldkreislauf von „echtem“ Zentralbankgeld zwischen den Banken untereinander. Dieser Kreislauf dient dazu, die fraktionale Reserve und die Zahlungsfähigkeit der Banken aufrecht zu erhalten. Er funktioniert nur störungsfrei, wenn sich die Banken untereinander Kredit geben, was momentan nicht mehr der Fall ist.  Auch können die Banken im Krisenfall kaum mehr neue Kredite vergeben und bestehende Kredite nicht mehr verlängern. Da Geld im fraktionalen Reservesystem über Kredit in Umlauf kommt, bedeutet eine Nicht-Verlängerung eines Kredits faktisch die Schrumpfung der umlaufenden Geldmenge. Wenn die Geldmenge schrumpft, wirkt sich das fatal auf die Wirtschaft aus, denn eine schrumpfende Geldmenge erzeugt Deflationstendenzen. Der berühmte amerikanische Ökonom Irving Fisher sah in der Schrumpfung der Geldmenge die Hauptursache der katastrophalen Weltwirtschaftskrise nach 1929. Auch heute werden immer wieder Parallelen zu 1929 gezogen.

Deswegen springen heute die Staaten ein und verschulden sich dafür bei den Banken, die ja eigentlich die Probleme verursacht haben. So versuchen sie, sowohl die Geldmenge als auch die Banken zu stabilisieren. Die Störung scheint vorerst behoben, doch die Krise schwelt weiter, denn auch die Schulden der Staaten können nicht unbegrenzt steigen. Auch Staaten wurden schon zahlungsunfähig, siehe Argentinien oder jüngst Island. Rein mathematisch gesehen steigen die Lasten aus verzinslichen Schulden exponentiell an, erst allmählich, dann immer schneller und schließlich explosionsartig. Und so ist diese aktuelle Störung vermutlich nur der Vorbote für noch drastischere Störungen in einem System, in dem Geld nur über verzinsliche Verschuldung in Umlauf kommt.

Einen Vorschlag für ein Geldsystem der Zukunft hat der Wirtschaftssoziologe Joseph Huber zur Diskussion gestellt1: Er schlägt vor, das unbare Giralgeld (=Buchgeld), das heute von Geschäftsbanken geschöpft wird, zukünftig nur noch von unabhängigen öffentlichen Zentralbanken schöpfen zu lassen. Giralgeld wäre damit dem heutigen Bargeld gleichgestellt. Dieses von Huber als „Vollgeld“ bezeichnete Geld würde zinslos über Staatsausgaben in Umlauf gebracht und nicht mehr über verzinsliche Verschuldung, so wie es heute geschieht. Es wäre keine fiktive Verbindlichkeit auf Auszahlung von Geld mehr kund würde so nicht mehr als Verbindlichkeit in die Bankbilanz aufgenommen. Die Geschäftsbanken könnten so kein Geld mehr schöpfen, sondern nur noch bestehendes Geld entgegennehmen und weiterverleihen. Das gefährliche Balancieren der Banken auf einer schmalen fraktionalen Reserve wäre damit beendet. Auch der tägliche Zahlungsverkehr würde nicht mehr auf Kreditbeziehungen zwischen den Banken beruhen, sondern würde von einfachen Verrechnungsstellen risikolos durchgeführt. So wie früher der Staat aus guten Gründen die Produktion von Papiergeld unter seine Kontrolle gebracht hat, würde er heute die Produktion von unbarem Geld in alleiniger Verantwortung durchführen. Im neuen Zeitalter des ohne Verschuldung, zinslos und öffentlich geschöpften Geldes könnte neu geschöpftes Geld der gesamten Gesellschaft zugute kommen, nicht nur solventen Kreditnehmern wie im jetzigen System. Die Gewinne aus der Geldschöpfung würden den Staatshaushalt entlasten, das Geld auf Girokonten wäre absolut sicher, und durch übermäßige Bank-Geldschöpfung hervorgerufene Wirtschaftsbooms und –depressionen wären zumindest weniger ausgeprägt. Die nach wie vor vorhandenen Bankrisiken wären transparenter und könnten sowohl von den Banken als auch von den Kunden besser eingeschätzt werden, weil echte Bankverbindlichkeiten, die aus bewusst angelegten Kundengeldern resultieren, nicht mehr mit fiktiven Bankverbindlichkeiten vermengt wären, die durch die jetzige Technik der Geldschöpfung entstehen. Das wäre auch eine große Hilfe für das weite Feld der „ethischen Geldanlagen“, bei denen Kunden mit ihren Banken eine genaue Zweckbestimmung der anvertrauten Gelder vereinbaren. Faktisch haben die Banken heute durch ihre Fähigkeit zur Geldschöpfung einen von der staatlichen Finanzaufsicht kaum zu kontrollierenden Freiraum, den sie auch exzessiv genutzt haben. Bei ausschließlich staatlich geschöpftem Geld könnte eine staatliche Bankenaufsicht wesentlich effektiver agieren.

Für die Verwaltung von bereits bestehendem Geld sind private Banken prinzipiell besser geeignet als staatliche Banken, weil sie im Konkursfall mit ihrem eigenen Kapital haften und die Konkurrenz unter privaten Banken eine sorgfältige Risikobewertung und Anlagestrategie fördert. Solche Mechanismen greifen aber in einem fraktionalen Reservesystem nur bedingt. Denn die Vermischung von volkswirtschaftlichen Zielen (maßvolle Geldschöpfung) mit Pièce greco-indiennebetriebswirtschaftlichen Zielen (Gewinn) führt zu erheblichen Zielkonflikten innerhalb der Banken. Auch die Verantwortung für die von den Banken selbst durchgeführte Geldschöpfung ist verschleiert, da ja auch der Staat über seine Zentralbank Geld schöpft. Die private Haftung der Banken wird durch staatliche Hilfen stark abgemildert, damit keine Bank in Konkurs geht und so die volkswirtschaftlichen Auswirkungen von verfehlten Bankgeschäften beherrschbar bleiben. Private Banken sind deshalb nur dann sinnvoll, wenn der Staat den Bereich Geldschöpfung wieder in seine alleinige Zuständigkeit übernimmt. Oder um den oben schon erwähnten Irving Fisher mit einer Aussage aus seinem 1935 veröffentlichen Buch „100%-Money“2  zu zitieren: Wir brauchen keine Verstaatlichung der Banken, sondern eine Verstaatlichung des Geldes.  

Die derzeitigen kurzfristigen Hilfsmaßnahmen inklusive möglicher Verstaatlichungen von Banken sind im derzeitigen System wohl unvermeidlich. Mittel- und langfristig werden Banken, Bankkunden und der Staat aber durch die Funktionsweise des fraktionalen Reservesystems unausweichlich in eine äußerst prekäre Lage manövriert. Nutzen wir deshalb die Atempause, die uns der derzeitige Rettungsversuch gewährt, um das Problem an seiner Wurzel zu packen: Das veraltete fraktionale Reservesystem muss durch ein besseres System ersetzt werden!


Klaus Karwat


1 Joseph Huber, James Robertson: Geldschöpfung in öffentlicher Hand, Verlag für Sozialökonomie, Kiel 2008

 2 Deutsche Übersetzung: „100%-Geld“ ,Verlag für Sozialökonomie, Kiel 2007

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dernière modification Août 2009