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Wandlungen in der SPD
Ich war selbst überrascht, wie schnell die deutsche Außenpolitik
die Kehrtwendung vollzogen hat: Zwischen "bedingungsloser Solidarität"
und kategorischem Nein zu amerikanischen Invasionsplänen lag nicht
einmal ein Jahr. Noch vor kurzem war es undenkbar, eine Wahl in
Deutschland mit einem Amerika-kritischen Thema zu gewinnen. Das
beweist, daß die Deutschen zwölf Jahre nach der Wiedervereinigung
immer noch damit beschäftigt sind, ihre Identität zu finden. Oskar
Lafontaine, der überraschend zurückgetretene frühere SPD-Vorsitzende
und Bundesfinanzminister, hat mit den kritischen Äusserungen über
die US-Politik in seinem Buch "Die Wut wächst", das in Deutschland
zu einem Bestseller avancierte, offensichtlich den Nerv seiner
Partei früher getroffen als der jetzige Parteivorsitzende Bundeskanzler
Schröder. Einige Monate nach Veröffentlichung des Buches kam die
Kursänderung der deutschen Regierungspolitik. Schröder hat damit
endlich auch die Herzen seiner eigenen Parteimitglieder gewonnen.
Und er hat, entgegen aller Meinungsumfragen, in letzter Minute
auch die Wahlen entschieden. Auch die neue Gerechtigkeitsdiskussion
innerhalb der SPD wurde von Oskar Lafontaine in seinem Buch schon
vorweggenommen. Er wettert dort wütend und von diplomatischen
Rücksichtnahmen unbelastet gegen angebotsorientierte Finanzpolitik
und die ungerechten Auswirkungen der Globalisierung. Der Verzicht
auf Steuererhöhungen, der von CSU-Kanzlerkandidat Stoiber propagiert
wurde, war der antizyklischen Finanzpolitik eines Lafontaine verwandter
als der Sparkurs des jetzigen Finanzministers Eichel. Auch die
Entwicklungen auf den Finanzmärkten scheinen Lafontaine recht
zu geben. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis sich
Schröder auch hier zu einer radikalen Kursänderung entschliesst.
In beiden Fällen, in der Miltiärpolitik und in der Finanzpolitik,
müssen europäische Positionen gefunden werden. Allein sind die
europäischen Länder zu schwach, sich gegen militärische Ambitionen
der USA zu stellen. Und die Finanzpolitik wird entscheidend vom
Stabilitätspakt im Maastricht-Vertrag und von der europäischen
Zentralbank bestimmt. Es man darf gespannt sein, wie sich die
deutsch-französische Zusammenarbeit in diesen beiden Punkten entwickelt.
In der Militärpolitik hat Frankreich die Wandlung erstaunt zur
Kenntnis genommen. Früher war es immer Frankreich, das als einziges
Land Europas kritische Distanz zu den USA gehalten hat. Heute
bremst es den deutschen Elan eher. Aber immerhin: Es eröffnen
sich neue Möglichkeiten für deutsch-französische Initiativen.
In der Finanzpolitik hat Frankreich immer noch eine eigenständigere
Position. Doch lässt sich eine Änderung des Stabilitätspaktes
und eine andere Politik der europäischen Zentralbank nur durchsetzen,
wenn Deutschland und Frankreich an einem Strang ziehen. Die Wandlungen
betreffen keineswegs nur die SPD. Ganz Deutschland ist immer noch
damit beschäftigt, zwölf Jahre nach der Wiedervereinigung zu einer
neuen Identität zu finden. Viele Deutsche haben die Nase voll
vom Nachbeten angloamerikanischer Positionen. Und historisch werden
heute Erinnerungen wach zu den zwanziger Jahren des letzen Jahrhunderts.
Auch damals stürzten die Börsenkurse in sich zusammen. Auch damals
wurde das Land von einer schlimmen Wirtschaftskrise erfasst. Heute
zeichnet sich nirgends ab, daß wieder eine rechstradikale Partei
starken Zulauf erhält. Aber die Deutschen haben große Sehnsucht
danach, endlich nicht mehr als die ewigen Bösewichte dazustehen,
die zwar gut arbeiten, organisieren und schiessen können, aber
kein gutes und friedliches Leben führen. Wie man in einen Wald
hineinruft, so schallt es wieder hinaus, heißt ein deutsches Sprichwort.
Dem von seiner eigenen Geschichte und seinen eigenen Irrwegen
gebeutelten Deutschland täte es gut, wenn es bei seinem neuen,
eigenständigeren Weg unterstützt würde. Hat irgendjemand in der
Welt gesagt, er sei froh, daß Deutschland entschieden gegen miltitärisches
Vorgehen plädiert ? Klaus Karwat
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